Stadt Flensburg – Interview mit Bürgermeister Henning Brüggemann

Stadt Flensburg – Interview mit Bürgermeister Henning Brüggemann

Bürgermeister Henning Brüggemann (Mitte) mit seinem Klimaschutz-Team Martin Beer, Ann-Kathrin Wild, Eyke Bittner und Till Fuder und den Energiemanagern aus dem Fachbereich Vermögen Hans-Werner Schwennsen und Boris Adams (v.l.n.r.).

Worin besteht Ihre persönliche Motivation, sich mit der Stadt für den Klimapakt/Klimaschutz einzusetzen?
Die Motivation ist natürlich: unsere Stadt muss ein Vorbild sein. Es ist ein strategisches Ziel, dass sich die Stadt Flensburg für den Klimaschutz einsetzt und die Ziele des Klimapakts umsetzt. Mit der CO2-Neutralität 2050 und dem Weg dorthin können wir als Stadt daher ein gutes Beispiel liefern – nicht nur lokal, sondern auch national und darüber hinaus. Meine persönliche Motivation ist daher, die Ziele, hinter denen ich eins-zu-eins stehe, auch umzusetzen. Da habe ich natürlich auch eine Doppelrolle – zum einen als Bürgermeister und zum anderen als Vorsitzender des Klimapakts…

Wie lautet diesbezüglich Ihre Philosophie, auch im Hinblick auf den Klimapakt/den Klimaschutz?
Die Stadt Flensburg ist der zentrale Treiber für den Klimaschutz hier in Flensburg. Einerseits, indem wir selber Leistungen anbieten und umsetzen, die dem Klimaschutz zugutekommen (z.B. durch alternative Mobilitätsformen und eine aktive energetische Sanierung) und andererseits, indem wir einen geeigneten Rahmen für die städtischen Akteure schaffen, dies auch zu tun. Und das funktioniert.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Maßnahme bzw. der wichtigste Maßnahmenbereich, um in den nächsten fünf Jahren den Klimaschutz bei der Stadt deutlich weiterzubringen?
Als wichtigste Maßnahme sehe ich den Bewusstseinswandel. Wir müssen weg kommen von unseren eingefahrenen Denkstrukturen, denn oft ist es nur die Gewohnheit, die uns davon abhält, klimaschonende Alternativen zu erwägen. Zum Beispiel im Bereich Mobilität: Wir setzen uns ins Auto, weil es für uns normal ist, auf diese Weise von A nach B zu kommen. Da müssen wir ansetzen, diese Gewohnheiten zu ändern und klimaschonendere Alternativen aufzeigen – das Fahrrad, der ÖPNV oder man geht zu Fuß. Das ist ein Punkt, wo noch viel passieren muss und wo wir als Stadt natürlich auch die Angebote und Anreize schaffen müssen, damit es mehr Spaß macht und einfacher ist. Es ist daher ein überaus wichtiger Aspekt öffentlich zu wirken und zu zeigen: man kann auch anders. Nur durch dieses „Bewusstmachen“ kann auch eine Änderung stattfinden. Und da haben wir mit dem Klimapakt ein tolles Instrument öffentlich zu wirken und die Menschen dazu zu mobilisieren, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Beispielsweise durch Kampagnen wie „Wir radeln immer noch zur Arbeit“ oder durch Kooperationen mit den Flensburger Busunternehmen. Das sind alles Aktionen, wo wir die Menschen hier vor Ort darauf aufmerksam machen wollen: es gibt Alternativen, die Spaß machen. Da sind wir, denke ich, auch schon auf einem richtigen und guten Weg.

Spüren Sie aufgrund von Energieeffizienz- und weiteren Klimaschutzmaßnahmen positive Auswirkungen für die Stadt? Welche sind das?
Ja, da gibt es einige. Das beginnt bei der energetischen Optimierung der kommunalen Liegenschaften, bis hin zu kleinen Maßnahmen, indem beispielsweise die Glühbirnen ausgetauscht werden. Das werden wir in den nächsten Jahren noch intensivieren. Es zeigt sich, dass wir dadurch große Energieeinsparungen haben, was nicht nur finanziell attraktiv ist, sondern eben auch dem Klimaschutz dient.

Wissen Sie bereits, mit welcher Maßnahme oder in welchem Maßnahmenbereich Sie sich bei der Energie-Challenge 2016 des Klimapakts bewerben wollen?
Es geht ja vor allem darum, dass man die Kolleginnen und Kollegen für die Energie-Challenge interessiert und mobilisiert. Daher werden mein Klimaschutz-Team und ich im Februar einen Workshop mit allen interessierten Mitarbeitern durchführen, wo Ideen für geeignete Maßnahmen gesammelt und diskutiert werden können. Das Wissen steckt in den Köpfen der Kolleginnen und Kollegen und ich hoffe, dass durch den Workshop dieses ins Bewusstsein gerufen wird und viele tolle Ideen ans Licht kommen. Diesbezüglich haben auch schon mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Maßnahmenvorschläge vorgestellt und ich glaube, wenn wir jetzt noch weiter in die Diskussion gehen, kommen wir auf viele andere Punkte. Ich bin sicher, dass es da gute Ergebnisse und Maßnahmen geben wird, die durchaus auch eine Vorbildfunktion haben werden – für das Verhalten hier im Haus, aber vielleicht auch darüber hinaus für die anderen Klimapakt-Mitglieder.

Wie motivieren und fördern Sie ggf. Ihre MitarbeiterInnen, um sich am betrieblichen Klimaschutz zu beteiligen und damit zum Erreichen Ihrer internen Klimaschutzziele beizutragen? Setzen Sie ggf. Anreize?
Auch ich selbst habe da natürlich eine Vorbildfunktion. Aber ich denke, ich bin diesbezüglich recht authentisch und nicht der, der Wasser predigt und Wein trinkt. Darüber hinaus ist es natürlich schwierig in einer öffentlichen Verwaltung aktiv mit Anreizen, die eben auch Geld kosten, zu arbeiten. Letztendlich sind wir auch Treuhänder der Steuerzahler.  Das hat auch mit der öffentlichen Wahrnehmung einer Verwaltung zu tun – es wird kritisch begutachtet, was man tut. So gesehen muss man da die Gratwanderung hinbekommen. Nichtsdestotrotz bieten wir momentan natürlich auch Möglichkeiten, um die Kolleginnen und Kollegen zu motivieren, sich klimaschützend zu verhalten. Wie bereits erwähnt z.B. im Rahmen einer klimafreundlichen Dienstmobilität. Wir haben mehrere E-Bikes und Dienstfahrräder, ein Lastenrad, E-Autos und wir beteiligen uns beim Carsharing. Das sind gute Ansatzpunkte, die auch den Haushalt schonen. Hier müssen wir aber noch besser werden.

Haben Sie zu der Vision „Flensburg 2050 CO2-neutral“ eine Vorstellung oder ein Bild vor Augen, wie sich dieses in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen widerspiegeln könnte?
Es geht in die Richtung, dass man ein reduzierteres Stadtbild mit mehr Qualitäten hat. Das eine Thema sind die Autos, die überall rumstehen. Es ist doch absurd, dass wir hier in Flensburg hohe und gute Denkmalschutzstandards haben, uns dann aber den öffentlichen Raum mit Blech „zumüllen“. Ich kann mir ferner mehr Klarheit in der Stadt vorstellen, die nicht primär auf bauliche Lösungen setzt, sondern das Zusammenleben noch stärker im Fokus hat.  Wir alle denken, dass es von allem immer mehr geben müsse. Diese Mehr-Mentalität taucht auch im Stadtbild auf. Ich bin überzeugt, dass das auf sehr lange Sicht der falsche Weg ist. Wir leben in einer endlichen Welt, Ressourcen sind nur begrenzt vorhanden. Irgendwann werden wir an unsere Grenzen geraten. Soweit sind wir aber momentan noch nicht, es geht eher noch weiter massiv in Richtung Wachstum. Auch weil wir dem Paradigma anhängen, dass Wachstum unsere Probleme löst. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass wir auf lange Sicht, bis 2050 sind es noch 34 Jahre, dort ein Umdenken haben werden. Ich hoffe, dass wir davon wegkommen, quantitatives Wachstum als oberstes Ziel zu sehen, sondern Lebensqualität anders definieren, als von allem immer mehr haben zu müssen. So gesehen kann ich mir vorstellen, dass man eine reduzierte Variante Flensburgs erlebt – in einer anderen und vielleicht auch besseren Qualität. Das ist noch sehr abstrakt und unkonkret, aber so kann ich es umschreiben, wenn man es visionär angeht.

Wie versuchen Sie, sich privat im Alltag klimaschutzorientiert zu verhalten?
Ich versuche Mobilität bewusster zu denken. Wir haben vor kurzem zu Hause das Auto abgeschafft und nutzen nun das Carsharing-Angebot. Wenn man nicht mehr die Selbstverständlichkeit eines Autos vor der Haustür hat, dann ändert sich automatisch auch das Mobilitätsverhalten. Wir haben in einem Dreivierteljahr erst fünf Mal ein Auto für Privatfahrten gebraucht. Alles andere kann man mit dem Fahrrad oder Bus machen. Und das funktioniert – auch zu dieser Jahreszeit. Das ist ein Aspekt, wo ich sage, einfach mal probieren! Zudem bekommt man ein anderes Gefühl für Zeit. Man muss beispielsweise planen, wann fährt der Zug oder Bus, oder die zusätzliche Zeit mit einplanen, die man im Vergleich zum Auto mit dem Fahrrad länger braucht – außerhalb der Stoßzeiten. Dafür hat man sich aber das Fitness-Studio oder die Jogging-Runde gespart. Ein anderer Aspekt ist, dass wir im Bereich Ernährung versuchen, regionale Produkte zu kaufen. Das funktioniert zwar nicht immer, aber schon allein dadurch, dass es im Familienkreis diskutiert und reflektiert wird, hilft dabei, es sich bewusst zu machen.
Das sind alles Ansatzpunkte, wo ich sagen kann, das ist authentisch, was ich hier in meiner Funktion vermitteln will und dem was ich im Privaten praktiziere.